Dienstag, 20. Juni 2017

Die Bergwelt

Tja, da rennt die Zeit dahin. Schon wieder haben wir euch schön schmoren lassen. Allerdings haben wir dieses Mal eine gute Ausrede: Es war einfach viiiel zu warm. Das hat nämlich mehrere Dinge zur Folge. Zum einen sinkt die Aktionsbereitschaft des Autors bei Temperaturen ab 30 Grad auf einen Wert, der von Null nicht verschieden ist (ein Mathematikerwitz). Lediglich Im-Schatten-Sitzen ist eine annehmbare Tätigkeit, alles andere ist mehr als optional. Vielleicht noch Pool, wenn man denn darf.* Zum anderen wird es bei solch warmen Temperaturen äußerst schwierig, die Kinder ins Bett zu bekommen. Die schwitzen sich im aufgeheizten Auto ja kaputt. Zumal bei den "Südländern" (nein, nicht die, die die AfD immer meint; sondern Spanier/Franzosen/Italiener) ja auch bis spät abends mit den Kindern Remmidemmi gemacht wird, was Henri natürlich spannender als Einschlafen findet.
Daher spannt sich dieser Reisebericht nun über fünf Länder, zwei Hochgebirge, zwei Zwergstaaten und ca. 2000 Reisekilometer. Schnallt euch also an.

Wo waren wir zuletzt? Ach ja, wir waren vor den badischen/schwäbischen Horden vom Mittelmeer in Richtung Pyrenäen geflüchtet. Eine gute Entscheidung, da diese wirklich beeindruckend gewaltig und schön sind. Allerdings bekommt man als Fahrer ordentlich was zu tun. Bergauf und bergab im zweiten oder maximal dritten Gang ist hier die Regel. Und der Beifahrer sollte bei manchen Abhängen lieber schwindelfrei sein. Aber bereits im Vorgebirge gibt es einige Perlen zu entdecken. Eher durch Zufall stießen wir auf das Dorf Minerve, welches - wie schon zuvor Mirmande - zu einem der schönsten Dörfer Frankreichs gekürt wurde. Also nüscht wie hin da! Das Dorf hält dann auch wirklich, was es verspricht. Und auch historisch hat es was zu bieten, dafür aber eher härtere Kost: Im 12. Jahrhundert war dies nämlich ein Zufluchtsort der Katharer (christliche Glaubensrichtung - allerdings nicht katholisch und daher als Ketzer verfolgt) während des gegen sie geführten Albigenserkreuzzugs. Leider hielt der Widerstand nicht lange und am Ende wurden alle von ihnen dahingemeuchelt. Schon damals waren Glaubenskriege halt bescheuert - hat sich bis heute nicht geändert.

Minerve

Weiter ging es über Carcassonne (leider war es zu warm für eine Stadtbesichtigung - kommt auf die Liste für die zukünftigen Reiseziele) in Richtung Andorra. Beim Anblick der zum Teil mit Schnee bedeckten Berge gab es die "Oohs" und "Aahs" von uns. Die Tour von Quillan bis nach Andorra ist echt eine schöne Strecke. Besonders unter Radfahrern ist sie sehr beliebt, schließlich jagt auch die Tour de France hier regelmäßig durch. Und wie schnell diese Fahrräder werden können, erlebten wir hautnah, als wir bergab bei Tempo 50 von einem überholt wurden! Hossa! Aber ist ja eh alles nur Doping. Wenn auch etwas langsamer erreichten wir letzten Endes unser Ziel: Den Zwergstaat Andorra. Warum Andorra? Keine Ahnung. Ich persönlich kenne das Land nur von den Fußballländerspielen her und fand es einfach witzig, ein Land zu besuchen, wo vorher noch keiner war - also keiner, den wir kennen.

Die Pyrenäen kündigen sich an

Daher hiermal ein paar Basisfakten über Andorra: Mit einer Größe von 470 Quadratkilometern ist das Land knapp halb so groß wie Berlin. Dafür liegt es überwiegend über 1000 Metern Höhe, wovon Berliner nur träumen können. Andorra ist nicht EU-Mitglied und daher eine beliebte Steueroase. Das wirkt sich auch auf das Landschaftsbild aus, denn kurz nach der Grenze reihen sich Tankstellen, Supermärkte und Shops nur so aneinander. Aufgrund der Höhenlage ist auch ein beliebtes Winterreiseziel, was sich in der hohen Dichte an Winterpensionen niederschlägt. Optisch ist das natürlich nicht so sexy. Dafür hat man aber drumherum die 2000er der Pyrenäen und die sehen umso toller aus. Für die Einreise aus Frankreich gibt es nur den Weg über den Envalira-Pass: Entweder den teuren Tunnel durch den Berg oder die kostenlose Straße über den Berg hinüber. Ist ja klar, dass wir oben rüber gefahren sind. Immerhin handelt es sich dabei um den höchsten asphaltiern Pass der Pyrenäen auf schlappen 2407 Metern Höhe. Und das coole dabei ist, dass es danach durch Andorra hindurch bis nach Spanien nur noch bergab geht. Lustiges Land.

Unser Auto hat den Aufstieg geschafft

Auf dem Pass liegt auch im Sommer noch Schnee

Andorra hat sogar eine Hauptstadt und die heißt Andorra la Vella. Dort schlugen wir unser Nachtlager auf gleich oberhalb vom ehemaligen Nationalstadion der andorianischen Fußballnationalmannschaft (seit drei Jahren gibt es ein neues; und ja, ich bin ein Fußballnerd, weil ich sowas super-interessant finde!). Wir haben auch einen kleinen Stadtbummel gemacht, aber so richtig mega-sehenswert war die Stadt jetzt nicht. Also es gibt schon eine nette Altstadt, aber das war es dann. Und daher rollten wir weiter bergab über die spanische Grenze rüber, bogen nach links ab, tuckerten noch etwas weiter durch die Berge und waren auch schon wieder in Frankreich an der Mittelmeerküste. Verrückt oder?

Casa de la Vall - Regierungssitz von Andorra

Kirche Sant Esteve

An diesem Punkt hatten wir schon längst die Hälfte unserer Reisezeit hinter uns gelassen und mussten daher die Rücktour planen. Die Wahl fiel auf die Route über Monaco und die Alpen. So fanden wir einen Kompromiss zwischen der Meer- und Berg-Fraktion in unserer Reisegruppe (ist das eigentlich in allen Beziehungen so aufgeteilt?). Auf dem Weg machten wir kurz Halt in Montpellier, um - na klar! - zu IKEA zu gehen. Denn Klärchen sollte endlich ihren eigenen Stuhl am Esstisch bekommen. Glücklicherweise war direkt nebenan das Meeresaquarium, in dem wir danach die Bewohner der Meere aus nächster Nähe bestaunen konnten. Besonders das riesige Bassin mit den Haien fand Henri wahnsinnig aufregend. Um etwas Strecke zu machen, fuhren wir im Anschluss am späten Abend weiter. So ergab es sich, dass wir gegen 21 Uhr Marseille durchquerten. Ich sag es mal so: Für jeden Berliner, der sich nach mehreren Wochen wunderschöner Landschaft mal wieder ein bisschen verranzte Großstadt gönnen möchte, ist Marseille bei Nacht genau richtig. Ein Mix aus Neukölln/Wedding/Charlottenburg würde ich sagen. Danke liebes TomTom-Navi-Gerät.

Henri wird vom Hai beschnuppert

Ein Bottich voller Quallen - lecker!

Und so erreichten wir die Côte d'Azur. Diese ist - nun ja - schon schön. Aber eigentlich macht es nur Spaß, wenn man Geld wie Heu hat. Dagegen mit dem Wohnmobil an der engen Küstenstraße entlang zusammen mit all den Motorollern und anderen Autos... ist etwas anstrengend. Und als Krönung des Ganzen hatten wir dann auch noch Monaco um wenige Meter verpasst, weil wir zu spät auf die Küstenstraße trafen. Also hier kein Länderpunkt. :-( Der Übergang von der französischen zur italienischen Riviera bemerkt man vor allem am Verkehr - auf einmal ist mehr Action auf den Straßen und Regeln bekommen mehr einen Empfehlungscharakter. Und wenn der Fahrer auch noch zu doof ist, um das Hinweisschild zum Supermarkt richtig zu lesen, macht es doppelt und dreifach Spaß. :-)

Was allerdings langsam wirklich anstrengend wurde, war die Hitze. Da es am Mittelmeer nur recht wenig schattige Plätze gibt, konnte die Sonne ordentlich brezeln. Daher wählten wir den direkten Weg nach Norden durch die ligurischen Alpen (bzw. Alpes Mediterranes) zur Po-Ebene. Anne wäre gerne noch länger am Meer geblieben, konnte/wollte aber nicht mehr mein Gejammer ertragen. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Cuneo (?) testeten wir mal die italienische Autobahn aus (ist gut, aber teuer und über die italienischen Autofahrer sage ich lieber nix**). Und so waren wir schwupp-di-wupp am Lago Maggiore. Ein schöner See, der trotz seiner Größe und des reichlichen Tourismus' sehr klar und sauber ist und förmlich zum Hineinspringen einlädt. Hach, geht es den Menschen gut, die hier leben. Da kann man echt noch mal hin. Hier wurde das Italienisch auch immer mehr vom Deutschen verdrängt. Man merkte, dass die Schweiz nur ein paar Kilometer entfernt war, schließlich teilen sich beide Länder den Lago.

Lago Maggiore


Koloss San Carlo (bis zum Bau der Freiheitsstatue die größte begehbare Statue der Welt)

Koloss Henri (größter Poser der Welt)

Und da sind wir inzwischen gelandet mitten in den Zentralalpen an der Quelle des Rheins bei Disentis. Die Vögel zwitschern, die Sonne scheint, die Bäume und Berge spenden Schatten, das Bächlein plätschert, die Kühe muhen und irgendwo springt Heidi über die Almwiese. Wäre ich Schweizer, ich würde auch sagen "Leckt mich am Arsch, ich bleib neutral und geh jetzt wandern, ihr Zipfelklatscher!".

Ein typisches Alpenpanorama

Auf dem Wasserspielplatz hat Käpt'n Henri viel zu tun

Klara beim Planschen

Deshalb Gruezi
eurer Reisetrüppli.



*Anmerkung 1:
Anscheinend ist Deutschland ein sehr liberales Land bei der Bekleidung im öffentlichen Schwimmbad. Denn während bei uns weite Badeshorts völlig normal sind, sind diese in Frankreich verboten. Stattdessen muss es bitteschön eine eng anliegende knappe Hose sein. Kein Problem für Henri und mich, schließlich wollen wir ja mit unseren Knackpopos angeben. Schwierig wurde es dann aber in Italien, wo noch eine Badekappenpflicht oben drauf kommt. Also sorry, aber wer von euch hat denn noch eine blöde Badekappe zuhause.
Interessant ist auch die Aufteilung der Nassbereiche. Bei uns ist alles ja ganz sauber in Männlein und Weiblein getrennt, in Südfrankreich dagegen gibt es einen Bereich für alle. Stattdessen wird aber zwischen Waschbereich und Klo getrennt, d.h. nach dem großen Geschäft wäscht man sich im anderen Raum die Hände. Aber immerhin kann man so endlich mit seiner Liebsten um die Wette pupsen.

**Anmerkung 2: Okay, ein bisschen muss ich doch über ausländische Autofahrer erzählen. Grundsätzlich ist das Fahren auf Autobahnen in Luxemburg, Frankreich oder Italien entspannter als in Deutschland. Ganz einfach deshalb, weil es ein Höchstgeschwindigkeit von 110-130 km/h gibt und man dementsprechend auf der linken Spur nicht mit Hochgeschwindigkeitsgeschossen rechnen muss. Blinken ist dagegen echt nicht so die Sache der Franzosen und Italiener. Entweder blinken sie gar nicht (ist ja bei uns leider auch schon weit verbreitet) oder vergessen für die nächsten 30 Minuten, dass sie den Blinker eingeschaltet hatten. Auch das Rechtsfahrgebot ist öfter mal ein Fremdwort. In der Mittelspur mit 90 tuckern ist doch auch schön. Und in Italien ganz beliebt - der Standstreifen. Dieser wird von den Einheimischen gerne und ausgiebig zum Stoppen benutzt. Z.B. wenn sich eine in Kolonne fahrende Hochzeitsgesellschaft wieder sammeln möchte. Hmmja, okayyyyy. Mehr will ich aber nicht lästern, schließlich komme ich aus einem Land bzw. einer Stadt, wo auf den Straßen nicht grad zimperlich gefahren wird.

Kommentare:

  1. wie schön, ein neuer bericht!
    so warm sieht es doch auf den bildern gar nicht aus - ihr habt lange sachen an und henri spielt im schnee ;-)
    die naturbilder sind auf jeden fall echt toll. ich freue mich schon auf ein fotobuch mit vielen panorama- und spiegeleffektaufnahmen :-)
    viele knutschis auch von felix.
    alles liebe, kati

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  2. Liebe Ex-Reisetrüppli,
    ich bin jetzt am Nacharbeiten eures Blogs. Auf dem großen Bildschirm macht es gleich viel mehr Spaß, sich eure Bilder anzuschauen. Basti, dein Meckern über das Wetter kann ich mit Blick auf das seit Wochen trübe Berlin nicht nachvollziehen!
    liebe Grüße und bis gleich beim Kitafest, die Tante aus dem verregneten Weißensee

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